Ich denk‘, ich schreib‘ euch besser schon beizeitenUnd sag‘ euch heute schon endgültig abIhr braucht nicht lange Listen auszubreitenUm zu sehen, dass ich auch zwei Söhne hab’Ich lieb‘ die beiden, das will ich euch sagenMehr als mein Leben, als mein AugenlichtUnd die, die werden keine Waffen tragenNein, meine Söhne geb‘ ich nichtNein, meine Söhne geb‘ ich nichtIch habe sie, die Achtung vor dem LebenVor jeder Kreatur als höchsten WertIch habe sie, Erbarmen und VergebenUnd wo immer es ging, lieben gelehrtNun werdet ihr sie nicht mit Hass verderbenKein Ziel und keine Ehre, keine PflichtSind’s wert, dafür zu töten und zu sterbenNein, meine Söhne geb‘ ich nichtNein, meine Söhne geb‘ ich nichtGanz sicher nicht für euch hat ihre MutterSie unter Schmerzen auf die Welt gebrachtNicht für euch und nicht als KanonenfutterNicht für euch hab‘ ich manche FiebernachtVerzweifelt an dem kleinen Bett gestandenUnd kühlt‘ ein kleines glühendes GesichtBis wir in der Erschöpfung Ruhe fandenNein, meine Söhne geb‘ ich nichtNein, meine Söhne geb‘ ich nichtSie werden nicht in Reih‘ und Glied marschierenNicht durchhalten, nicht kämpfen bis zuletztAuf einem gottverlass’nen Feld erfrierenWährend ihr euch in weiche Kissen setztDie Kinder schützen vor allen GefahrenIst doch meine verdammte VaterpflichtUnd das heißt auch, sie vor euch zu bewahrenNein, meine Söhne geb‘ ich nichtNein, meine Söhne geb‘ ich nichtIch werde sie den Ungehorsam lehrenDen Widerstand und die UnbeugsamkeitGegen jeden Befehl aufzubegehrenUnd nicht zu buckeln vor der ObrigkeitIch werd‘ sie lehren, den eig’nen Weg zu gehenVor keinem Popanz, keinem WeltgerichtVor keinem als sich selber g’radzustehenNein, meine Söhne geb‘ ich nichtNein, meine Söhne geb‘ ich nichtUnd eher werde ich mit ihnen fliehenAls dass ihr sie zu euren Knechten machtEher mit ihnen in die Fremde ziehenIn Armut und wie Diebe in der NachtWir haben nur dies eine kurze LebenIch schwör’s und sag’s euch g’rade ins GesichtSie werden es für euren Wahn nicht gebenNein, meine Söhne geb‘ ich nichtNein, meine Söhne geb‘ ich nicht
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Nein, meine Söhne geb’ ich nicht ist ein pazifistisches Lied des deutschen Liedermachers Reinhard Mey aus dem Jahr 1986. Er veröffentlichte den Song auf seinem Solo-Album Alleingang sowie als Single und spielte ihn in den folgenden Jahren mehrfach für Live-Alben. Das Lied befasst sich mit dem Thema Kriegsdienstverweigerung und auch mit der Flucht vor dem Krieg. 2020 veröffentlichte Reinhard Mey mit mehreren weiteren Musikern eine neue Version des Liedes zur Unterstützung der Arbeit der Organisation Friedensdorf International, die kranke und verletzte Kinder aus Kriegsgebieten betreut.
Nein, meine Söhne geb’ ich nicht ist eine ruhig vorgetragene Ballade, die in der Originalversion von Reinhard Mey auf der akustischen Gitarre sowie teilweise von einem elektronischen Piano und in der dritten Strophe von einer Trommel mit angedeutetem Marschrhythmus begleitet wird. Das Lied wird mit einer kurzen Gitarren- und Pianosequenz eingeleitet und in einem 4/4-Takt gespielt. Der Text von Nein, meine Söhne geb’ ich nicht ist in sechs Strophen aufgebaut, die jeweils mit dem Refraintext „Nein, meine Söhne geb’ ich nicht“ enden. Aus Meys realer Perspektive als Vater zweier Söhne wählte er die Form eines offenen Briefes an einen namentlich nicht näher bezeichneten Adressaten, denkbar wären Kreiswehrersatzamt oder auch das Verteidigungsministerium („Ich schreib’ euch besser schon beizeiten“). Der Sänger schildert, wie er seine beiden Söhne aufgezogen, beschützt und behütet sowie „zur Achtung vor dem Leben“ erzogen hat. Er betont, dass er alles dafür tun wird, dass sie „keine Waffen tragen“ und dass sie nicht in den Krieg ziehen werden:
„Kein Ziel und keine Ehre, keine Pflicht, sind’s wert dafür zu töten und zu sterben.“In der ersten Hälfte der dritten Strophe wechselt die musikalische Begleitung: Im Hintergrund spielt eine Trommel einen düsteren Marschrhythmus, während die Gitarrenbegleitung reduziert wird. „Sie werden nicht in Reih‘ und Glied marschieren, nicht durchhalten, nicht kämpfen bis zuletzt, auf einem gottverlass’nen Feld erfrieren, während ihr euch in weiche Kissen setzt.“– Reinhard Mey[2]In den letzten beiden Strophen betont er, dass er seine Söhne „Ungehorsam , den Widerstand und die Unbeugsamkeit“ lehren wird, „vor keinem als sich selber grad’zustehen“. Er würde eher mit ihnen fliehen, als dass sie zu Knechten der Obrigkeit werden sollen. Er zieht dem Krieg ein Leben in der Fremde, „ein Leben wie Diebe in der Nacht“, vor, statt das Leben seiner Söhne für „den Wahn“ der Herrschenden zu geben.
Anders als seine Liedermacherkollegen Degenhardt und Wader war Reinhard Mey nie parteipolitisch engagiert. In der Zeit der 68er-Bewegung sah er sich scharfer Kritik von links ausgesetzt, und seine Texte galten vielen als zu unpolitisch. Ein Autor nennt zwar „prototypische“ Friedenslieder wie Vertreterbesuch (1970) und Frieden (1994) in Meys Repertoire, erkennt jedoch keine Texte, die sich zeitlich im Diskurs der neuen Friedensbewegung zwischen Mitte der 1970er und 1990 als Friedenslieder einordnen ließen. Gesellschaftskritische Texte fand man jedoch durchaus bereits früh im Werk Reinhard Meys, häufig aus einer emotionalen oder persönlichen, nur implizit politischen Perspektive heraus – womit er den „lang getragenen Konsens, dass sich das ‚politische Lied‘ und das ‚private Lied‘ ausschließen würden“, durchbreche (vgl. auch Politik der ersten Person). Spätestens seit den 1980er Jahren jedenfalls sind Meys Texte häufig explizit pazifistisch, etwa in Alle Soldaten woll’n nach Haus (1990), Die Waffen nieder (2004) oder Kai (2007). Nein, meine Söhne geb’ ich nicht ordnet sich insofern gleich doppelt in die Werke Meys ein: zeitlich einerseits in eine Reihe von hochpersönlichen Liedern aus seiner noch jungen Perspektive als Vater (Menschenjunges [1977], Keine ruhige Minute [1979]), andererseits thematisch in seine gesellschaftskritischen und pazifistischen Texte.

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